Von Mareike Zoll
Schnell hingetippte Sprachfetzen sind im Internet ein Muss. Um Gemütszustände auszudrücken, verwendet der Surfer «Emoticons». Internetsprache statt Eliten-Deutsch, das ist moderne Kommunikationskultur. Selbst Sprachschützer gesellen sich ohne Bedenken in den Chatroom.
Auch für den Waschbrettbauch wird es bald ein Emoticon geben
Hamburg Die virtuelle Datenwiese blüht. Jeder Surfer tummelt sich auf ihr nach Belieben egal wie, wo und wann. Die Erfindergeneration des Internets nutzte das Medium vor Jahren noch aus-schliesslich zur besseren globalen Verständigung. Mittlerweile dient es nahezu ausschliesslich der kommerziellen Kommunikation. «Chattikette» egal, wo man klickt. Dabei wimmelt es im Netz von Tippfehlern, Grammatik scheint längst keine Gültigkeit mehr zu besitzen.
Um Missverständnissen in E-Mails und Chatrooms vorzubeugen, halten sich einige Web-Nutzer mit den sogenannten Emoticons über Wasser. Durch diese scheinbar willkürlich zusammengesetzten Tastaturzeichen entstehen Symbole, die dem Gemütszustand des Absenders Ausdruck verleihen. Die Tastenkombination :-) ergibt zum Beispiel den bekannten Smiley, dessen grosse Zeit eigentlich schon vorbei war.
Doch die immer neuen Emoticons im Netz illustrieren den unermüdlichen Erfindungsreichtum einiger Surfer. Mit Hilfe der ausgedachten Tastenkombinationen verschwinden umständliche Erklärungen mit einem Klick von der Bildoberfläche. Lange Wörter werden auf wenige Buchstaben reduziert. Allein wegen der Zeitersparnis sind Abkürzungen sehr beliebt.
Selbst Verfechter der deutschen Sprache sehen trotz dieser Entwicklung in der Kommunikation keinen Grund zur Sorge. Vergessen scheint der Kampf um den Erhalt der Sprache. Im Hinblick auf die sich wandelnden Sprachgewohnheiten im Internet prophezeien Sprachwissenschaftler wider Erwarten viel Gutes.
Offen bleibt indes, wie Sprachliebhaber demnächst Abkürzungen wie *dur?*, was für «Do you remember» steht, bewerten werden. Zählt diese Tastenkombination bereits zu einem aus dem Englischen übernommenen Kauderwelsch oder repräsentiert sie nur eine bildhafte Sondersprache?
Inge Blatt vom Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg glaubt ebenfalls nicht daran, dass die deutsche Sprache durch Abkürzungen im Internet an Qualität einbüssen wird. Sie führen ihrer Meinung nach lediglich zu einer «veränderten Schriftkultur».
«Die Internetsprache stellt keine Gefahr dar», glaubt Blatt, die die Arbeitsstelle «Schriftkultur und ihre Medien» koordiniert. Dennoch sei es wichtig, der Schriftlichkeit an Schulen und Universitäten einen hohen Rang einzuräumen. Jeder Surfer mit gutem Sprachvermögen könne langfristig dazu beitragen, dass «die Menschen im Internet eine immer bessere Verständigung erreichen». Ein Mix aus Wörtern und Abkürzungen erhöhe letztlich die Sprachvielfalt im Netz. Trotz der vielen Tastenkombinationen werde «die Liebe zum Wort bleiben».
Emoticons
:-&ich bin sprachlos
:-cich bin sehr unglücklich
:-oich bin überrascht
:-sich verstehe nicht
:-/ich bin skeptisch
:-|ich bin ernst
@)-eine Rose
8-ONein!
:-x ein Kuss
:-ironisches Lächeln
:-OSchrei
=:-)ein Punk
O:-)ein Engel
Der Spiegel Online vom 6. Oktober 2001
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