Die Sprachenfrage in Europa (1)
Der französische Sprachwissenschaftler Claude Hagege, Professor am College de France, unterstreicht in dem vorliegenden Interview die europäische Sprachenvielfalt und den sich daraus ergebenden Reichtum. Des-wegen bestehe auch die einzig mögliche Zukunft für Europa in der Vielsprachigkeit. Vor diesem Hintergrund kommt er zu dem Schluss, dass die Dominanz einer Sprache, wie es gegenwärtig für das Englische der Fall ist, nicht wünschenswert sei und dass die Europäer ihre Kinder möglichst früh zum Gebrauch mehrerer und nicht nur einer einzigen Sprache erziehen sollten. Dabei könnte sich das Internet als nützlich erweisen, insofern es sich um ein Medium handelt, in dem auch andere Sprachen zu Wort kommen. Des-wegen bildet die Nutzung der Sprachen auf dem Internet einen der wichtigsten Wege zum Schutz der Sprachen gegen den Einfluss des Angloamerikanischen.
Forum: Es wurde oft auf die Möglichkeit hingewiesen, dass das Deutsche zu einer Amtssprache der europäischen und internationalen Organisationen erhoben werden könnte. Was halten Sie von einer solchen Forderung? Inwieweit ist sie angesichts anderer Sprachen wie des Spanischen, des Italienischen oder auch des Portugiesischen berechtigt?
C. Hagege: Diese Forderung, die bereits von Helmut Schmidt und Helmut Kohl erhoben worden war, wird auch von der jetzigen Regierung vertreten und ist natürlich eng mit dem wirtschaftlichen und politischen Einfluss Deutschlands verbunden. Die politischen Machtinhaber in Deutschland sind sich der wirtschaftlichen Bedeutung des Landes bewusst und wundern sich zu Recht darüber, dass Französisch und Englisch in Brüssel immer noch so unangefochten dominieren.
Leider ist in diesem Zusammenhang ein geschichtlicher Exkurs notwendig; es muss daran erinnert werden, dass es sich dabei natürlich um eine Folge des Zweiten Weltkrieges handelt. Nach Kriegsende rückten die Sprachen der Sieger in den Vordergrund. In der Zwischenzeit hat Westdeutschland seine Wiedergutmachung glaubhaft gemacht und alles in seiner Macht stehende getan, um seinen guten Willen unter Beweis zu stellen und die schreckliche Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auszulöschen.
Forum: In einer Ihrer Veröffentlichungen, die gerade neu aufgelegt wurde (Le Souffle de la langue) kommen sie auf die Mehrsprachigkeit in Europa zu sprechen und vertreten den Standpunkt, dass eine einzige Sprache nicht als alleinige Gemeinschaftssprache dienen sollte. Welches System würden Sie befürworten, damit das Englische die deutsche und französische Sprache nicht zur Bedeutungslosigkeit verdammt?
C. Hagege: Ein sehr einfaches System. Alles steht und fällt mit der Schule, die im Zentrum des Problems steht. Meines Erachtens besteht die einzig mögliche Zukunft für Europa in der Mehrsprachigkeit. Das ist eine der Hauptthesen von «Le souffle de la langue» und auch von einem früheren Buch, «L'enfant aux deux langues», aus dessen Titel schon ersichtlich ist, dass das Geheimnis in der schulischen Erziehung zu suchen ist. Eine schulisch vermittelte Zweisprachigkeit im frühen Kindesalter, das bedeutet ein Unterricht, in dem den Kindern zusätzlich zu ihrer Muttersprache noch zwei weitere Sprachen vermittelt werden, stellt meines Erachtens eine Notwendigkeit dar.
Im Falle einer Reform, durch die das Erlernen von zwei Sprachen zusätzlich zu der Muttersprache bereits in der Grundschule, das heisst im Alter zwischen fünf und sieben Jahren, Pflicht ist, wird sich das Problem von selbst lösen. Auch wenn die Familien sich mehrheitlich für das Englische entscheiden, werden sie eine weitere Sprache dazu wählen müssen. Wenn dagegen nur eine Pflichtsprache im Grundschulunterricht in den niedrigen Jahrgangsstufen eingeführt wird, dann wäre das Englisch, was zu dem schleichen-den Tod der anderen Sprachen führen würde. Deswegen bin ich also für eine frühzeitige Zweisprachigkeit; und liste in «L'enfant aux deux langues» sogar die Namen der Haupt-sprachen in Europa auf: zusätzlich zu der englischen Sprache, die schon allzu weit verbreitet ist, wären das Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch und Deutsch.
Forum: Und, wie glauben Sie, wird die Mehrsprachigkeit in den europäischen Institutionen funktionieren?
C. Hagege: Alles hängt von dem Zeitraum ab, den man ins Auge fasst. Gegenwärtig gehören die über 20jährigen einer in dieser Hinsicht verlorenen Generation an, weil sie in einer Zeit geboren wurden, in der das Englische omnipräsent ist
Die einzige Möglichkeit, ein Gegengewicht zur weltweiten Vorherrschaft des Englischen zu bilden, besteht in der Förderung der Mehrsprachigkeit. Das Internet ist (hier) absolut notwendig, weil es zu einem grundlegenden Kommunikationsmittel in einem grossen Teil der Welt geworden ist. Offensichtlich schrumpft seit fünf oder sechs Jahren die Internetpräsenz des Angloamerikanischen
Immer mehr Menschen haben nämlich begriffen, dass die Erstellung von Webseiten anderen Sprachen eine Ausdrucksmöglichkeit bietet. Beim Internet steht also viel auf dem Spiel
Deswegen bildet die Nutzung der Sprachen auf dem Netz einen der wichtigsten Wege zum Schutz der Sprachen gegen den Einfluss des Angloamerikanischen
Eine Sprache, die zu viel entlehnt, wird in letzter Konsequenz in der anderen aufgehen.
Deutsch-französisches
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