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Wenn wir so weitermachen, grunzeln wir bald
von Loriot

Bei dieser Rechtschreibreform sind offensichtlich Kräfte am Werk, denen unsere Sprache gleichgültig ist. Politiker mögen ihre Verdienste haben, aber auf diesem Gebiet sind sie offenbar ahnungslos.



Die Rechtschreibung ist ja nicht nur ein lockeres Konversationsmittel, sondern die Grundlage unserer Sprache, die seit 1200 Jahren gewachsen ist. Sprache und Schrift sind Zeugen unserer Geschichte. Noch ist an den Wörtern, die wir schreiben, unsere geistige Entwicklung abzulesen.
Sprachlos machte mich die Behauptung einer Kultusministerin, es käme nur auf die Fähigkeit eines Lehrlings an, sein Bewerbungsschreiben Fehlerfrei abzufassen. Soll doch dieser Lehrling getrost Schreibfehler machen. Niemand wird ihm das verübeln. Viel schlimmmer ist, daß ihm durch eine nicht zu verantwortende Vereinfachung der Schreibweise die Unmißverständlichkeit seiner Sprache genommen wird.

Empörend auch die Behaup0tung, es gäbe wichtigere Probleme . Das hat man vor einigen Jahren auch gesagt, als es um den Umweltschutz ging. Heute wissen wir, daß unsere Welt nur zu retten ist, wenn wir die Grundlagen unserer menschlichen Existenz nicht fahrlässig aufs Spiel setzen. Dazu gehört in erster Linie die Verständigung unter den Menschen durch Schrift und Sprache, die uns seit Jahrhunderten begleitet. Jede Form der billigen Vereinfachung und Verstümmelung beraubt unsere Sprache ihrer Wirkung.

Wir sind auf dem Wege, unser wichtigstes Kommunikationsmittel so zu vereinfachen, daß es in einigen Generationen genügen wird, sich grunzend zu verständigen. Keine Regierung darf es sich erlauben, eine Kulturnation zu einer Klasse von Schülern zu degradieren, denen nicht die geringste Anstrengung zumutbar ist.

Es wäre mir peinlich, müßte ich mithilfe meiner geliebten Sprache zum Ungehorsam gegen den Staat aufrufen.Ich möchte auch nicht erleben, daß mir ein junger Mensch versichert, ihm sei es egal, woher er komme. Denn ich müßte ihm sagen: "Dann ist es auch wurscht, wohin du gehst"

Vicco von Bülow alias Loriot in der Bild-Zeitung vom 26. August.2004

(pd)Loriot ist Ehrenmitglied des kürzlich in München gegründeten „Rats für Deutsche Rechtschreibung“, in dem sich Gegner der Rechtschreibreform zusammengeschlossen haben. Weitere Ehrenmitglieder sind unter anderen Günter Grass, Siegfried Lenz, Hans Magnus Enzensberger und Marcel Reich-Ranicki.

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