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AUFSTAND DER BIBLIOTHEKARE

Google und die alten Europäer

In einer gigantischen Scan-Aktion digitalisiert Google mehrere Millionen Bücher aus Bibliotheken in den USA und England. Bibliothekare aus anderen Ländern fürchten nun, dass der digitale Expresszug ganz ohne sie abfährt. Frankreich bläst zur europäischen Großoffensive - und Deutschland signalisiert Zustimmung.

Ist das Digitalisierungsprojekt einmal abgeschlossen, steht die gigantische Menge von 4,5 Milliarden Buchseiten bei Google zum Durchsuchen bereit. Doch so gut das beim ersten Hinhören klingt, längst nicht jeder ist mit dem Deal zwischen der Suchmaschine und den Elite-Bibliotheken einverstanden. So griff in dieser Woche Frankreichs oberster Bibliothekar Jean-Noel Jeanneney wutentbrannt zur Feder. In einem Beitrag für die Tageszeitung "Le Monde" kritisierte der Chef der Nationalbibliothek in Paris das Google-Projekt mit harschen Worten. Jeanneney sieht die Kontinentaleuropäer benachteiligt: Weil nur englischsprachige Bibliotheken in die Digitalisierungs-Initiative eingebunden seien, drohe eine "überwältigende Dominanz" der Angelsachsen, wenn es darum ginge, welches Bild sich zukünftige Generationen von der Welt machten. Mit anderen Worten: Eines fernen Tages könnten Schüler felsenfest davon überzeugt sein, dass ihre Ahnen außer in Englisch in kaum einer anderen Sprache vernünftige Bücher verfasst hätten. Für Jeanneney ist vor allem Googles Gütesiegel gefährlich: Angesichts der Unmengen an Informationen, die im Netz kursierten, werde der Ritterschlag in Form einer Bestätigung durch eine Autorität immer wichtiger. Und hier favorisiere das finanziell üppig ausgestattete Google-Projekt die Literatur in englischer Sprache über Gebühr - auf Kosten anderer Kulturen, vor allem der europäischen. Und deswegen, so Jeanneney, müssten sich die Europäer zum unverzüglichen Gegenangriff rüsten. Bleibe man untätig, würden in den USA Fakten geschaffen: "Dann wird es zu spät sein, sich zu bewegen."
Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/politik/0,1518,343441,00.html 04.03.05 (Artikel v. 25.Febr.2005)

Ein Schulbibliothekar CH schreibt
Das Digitalisieren der riesigen Bücherberge ist eine Sache; eine andere ist das Problem, die Daten so zu archivieren, dass sie auch für künftige Generationen noch lesbar sind. Da denke ich nicht an die Haltbarkeit auf den Speichermedien, sondern an die gewählten Formate, die schon in zehn Jahren unter Umständen nicht mehr zu gebrauchen sind, da die Software und auch die Computer eine sehr, sehr kurze Halbwertszeit haben.

Meine ersten gespeicherten Daten, die ich vor etwa 15 Jahren erstellt habe, kann ich bereits nicht mehr lesen. Es gibt keine Laufwerke mehr für die alten Floppy Disketten, die Maschinen sind umweltgerecht entsorgt und die Programme zum Lesen der Daten sind längstens nicht mehr erhältlich. Über einen sehr extremen Fall habe ich kürzlich einen Fernsehbeitrag gesehen: Die Archive der DDR Stasi. Die alten russischen Computer gibt es kaum noch und die Spezialisten, die damals die Daten gesammelt, codiert und gespeichert haben, sind am Aussterben. So wird vermutlich ein grosser Teil der damaligen Datensammelwut für immer verloren sein.

Ich mache mir also weniger Sorgen um das Verlorengehen der nicht-englischen Bücher als um das Verlorengehen der riesigen Datenmengen, die heute elektronisch gespeichert werden. - Die Archive und grossen Bibliotheken haben dieses Problem erkannt und sind am Suchen von Lösungen.
crz in seinem Brief vom 5. März 2005 an die Redaktion SKD.

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