Uooterluh und Belle Alliance
Das Problem der Radiomoderatoren mit Waterloo Alle paar Wochen ist irgendeine Baustelle oder auch mal der große Stau am
Waterloo-Ufer, Teil der südlichen Tangente des Berliner City-Verkehrs. So
wie neulich. Waterloo-Ufer. Das ist dann immer die Stunde, in der sich
die stets so frischen Ansagerinnen im Berliner Verkehrsfunk mal so
richtig weltmännisch anglophil geben können, "Uooterluh-Ufer" sagen
dürfen. Und, die Steigerung: diejenigen, die schon mal in New York waren,
wollen das dann auch zeigen und das "t" halb verschlucken:
Uoodrrrluh-Ufer. Ein knappes Dutzend Privatsender hat die Hauptstadt, und
sie gaben sich alle weltmännisch.
Anruf bei einem der Sender: "Sagen Sie Ihrer Ansagerin doch mal, daß der
Ort, nach dem die Straße benannt ist, Waterloo ausgesprochen wird, und
nicht Uooterluh." Noch gab man sich verständnisvoll: "Ach so, ja,
eindeutschen. Viele sagen ja auch "London', nicht "Llanden', vielleicht
haben Sie recht, ich kann es ja mal weitergeben." - "Nein, nein, nicht
eindeutschen. Das Waterloo, nach dem die Straße in Berlin heißt, ist ein
Ort in Belgien, nicht in England oder Amerika. Und deshalb sagt man
Waterloo."
Jetzt war es aber vorbei mit der Konzilianz, da nun klar war, daß der
Anrufer es ernst meint - und unmögliches verlangt: "Waterloo, das
kann man doch im Radio nicht sagen", kommt die Antwort. In einem Tonfall,
als hätte sie gerade klargestellt: es heißt ja auch nicht "Wollwortt",
sondern "Wuuhlwörs", mein Herr. "Ja, ja, na gut", sagt sie noch, schon
etwas nachdenklicher, "es mag ja in Belgien sein, aber Waterloo?" Der
Dame schauderte es. So redeten doch die Alten früher, denkt sie offenbar
still vor sich hin. Ja genau, denkt der Anrufer zurück, die Alten
nämlich, die noch in Geschichte aufgepaßt und mal von Napoleons letzter
Schlacht gehört haben.
Ob sie, die Dame vom Radio, denn zur Generation Abba gehöre? "Ja eben,
sehen Sie, bei denen im Song heißt es doch auch Uooterluh." Genau, denkt
der Anrufer noch, die Popmusik setzt die Maßstäbe. Gegen Abba hat
Napoleon also seinen Dritten, ganz und gar endgültigen Krieg verloren.
Auch sein Waterloo, sein Letztes, hat man ihm nun genommen, die
berühmteste Niederlage der Weltgeschichte. Da fällt dem Telefon-Nörgler
nur noch die Zeile aus Abbas zweiter "Uooterluh"-Strophe ein: "Now it
seems my only chance is giving up the fight".
Womöglich liegt aber alles auch nur daran, daß man in Berlin schon früher
Probleme mit jenem belgischen Dörfchen hatte, auch zu Zeiten, da noch
nicht "denglisch" regierte. Die Welt sprach von Waterloo nach der
Schlacht. Nur in Preußen sollte der große Sieg nach "Belle Alliance"
heißen, Straßen und Plätze danach benannt werden. Vom hölzern klingenden
Waterloo, heute Sinnbild einer Niederlage schlechthin, war nicht die
Rede. Eine Noblesse der frankophilen Hautevolee Berlins? Aber paßte
"Belle Alliance" nicht auch grandios? Schließlich war es eine edle
Allianz aus Engländern und Preußen, die 1815 Napoleon, Schrecken aller
europäischen Monarchen, endgültig bezwungen hatte. Der wahre Zusammenhang freilich ist eher gemein als vornehm.
Belle Alliance: So heißt ein kleines Etablissement, vor deren Außenwand
heute in kaum einem Meter Entfernung lauter Verkehr über die alte
Europastraße 19 zwischen Amsterdam, Brüssel und Paris vorbeirauscht, drei
Kilometer von Waterloo entfernt. Eine Disco und ein Durchgangsrestaurant
auf freier Strecke ist es, und irgend so was war es auch in all den
Jahren seit 1765, als nämlich ein jüngerer Knecht und eine ältere Wirtin
des Anwesens heirateten und die Nachbarn es deshalb "Belle Alliance"
tauften.
Nur am 18. Juni 1815 war alles anders, als vor der Kneipe auf einem Hügel
ein untersetzter Mann durch sein Fernrohr über die Felder blickte, wo
sich insgesamt 145 000 Soldaten gegenseitig erschossen oder erdolchten,
und miterleben mußte, wie ihn das Kriegsglück nach und nach verließ:
Napoleon. Und am späten Abend jenes Tages, als zwei Feldherren eben hier
zusammentrafen, um sich ihres Sieges erst richtig bewußt zu werden: der
Engländer Wellington und der Preuße Blücher.
Die Wirtin und ihr Knecht - sie waren schuld daran, daß später in Berlin
und anderen deutschen Metropolen große Chausseen und Plätze "Belle
Alliance" genannt wurden, daß auf allen Denkmälern, Säulen und Stelen für
die Befreiungskriege dieser Name eingemeißelt oder angeschmiedet prangt,
und in Berlin nur eine profane Uferstraße den Namen "Waterloo" erhielt.
Vor einigen Jahren war das Haus an der Europastraße auch mal ein
Nachtklub, so daß der Begriff "Belle Alliance" noch einen ganz anderen
Sinn verkörperte - und sich die Stadtväter des kaiserlichen Berlin sicher
im Grabe umgedreht hätten, wenn nicht Straße und Platz im Stadtteil
Kreuzberg längst umbenannt worden wären nach dem Marxisten Franz Mehring.
Ulli Kulke in der Berliner Morgenpost vom 29.Aug.2005
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