Charles Linsmayer
Deutsch in der vielsprachigen Schweiz
[Teil 2: Dialekte in der Schweiz]
Die französische Schweiz
So ist für die Romandie, wo die Dialekte praktisch keine Rolle spielen und das grenzüberschreitende Französisch unangefochten als Muttersprache der Bewohner gilt, das Verhältnis zur französischen Sprache trotz einigen Regionalismen dasjenige einer relativ eigenständigen Sprachprovinz zu einem grossen Sprachgebiet, dem man sich ganz selbstverständlich zugehörig fühlt und auf das man mit Bewunderung und Stolz, wenn auch gelegentlich mit leichten Minderwertigkeitsgefühlen blickt. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sich die Romandie - und damit indirekt die ganze Schweiz, die einen wesentlichen Teil des Budgets trägt - mit anderen französischsprachigen Gebieten zusammen aktiv an den Bestrebungen der Francophonie beteiligt, die Französisch als Weltsprache erhalten und dem Sprachimperialismus des Englischen im Verein mit andern nichtenglischen Sprachen entgegentreten will. Ganz anders die Situation in der deutschen Schweiz, wo die nationale Identität sich sprachlich im Dialekt und nicht oder nur punktuell in der mit Deutschland gemeinsamen Schriftsprache artikuliert und wo das Verhältnis zum grösseren Sprachgebiet immer wieder durch unerfreuliche oder bedrohliche Entwicklungen und Vorkommnisse getrübt war.
Die Rolle der Deutschschweizer Dialekte
Verweilen wir einen Moment beim Dialekt, der gerne zum Sündenbock für die durch die Pisa-Studien belegte abnehmende Hochdeutschkompetenz der Schweizer gemacht wird. Von aussen ganz verschieden wahrgenommen - Herder war davon entzückt, Goethe liess es sich nicht nehmen, darin zu dichten, Kafka sprach 1911 von einem «mit Blei ausgegossenen Deutsch»-, hat der Schweizer Dialekt oder besser: haben die Schweizer Dialekte in den letzten Jahrzehnten eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Noch bis in die fünfziger Jahre des 20.Jahrhunderts hinein standen sie für die Rückzugsposition des Heimatstils und des Traditionalismus, dann, in den siebziger Jahren, wurden sie zur Sprache der grenzübergreifenden Protestbewegung und wandelten sich auf deren Marsch durch die Institutionen schliesslich zur Trendsprache der Werbung und des modischen jugendlichen Lebensgefühls. Abgesehen von diesem eher äusserlichen Wandel aber sind die Schweizer Dialekte für ihre Sprecher seit je her untrügliche ldentitäts- und Erkennungskriterien. Obstkuchen heisst je nach Region Wääe, Wääje, Tünne, Chueche, Taatere, Turte oder Flade, was von einem Apfel übrig bleibt Urbsi, Güürbsi, Gütschi, Murmutz, Büütschgi oder Gräubschi, und sobald ein Schweizer den Mund auftut, weiss der andere, ob er aus Bern, St.Gallen, Chur oder Zürich stammt. Weil der Dialekt keine schichtenspezifische Unterschiede kennt und der Hochschulprofessor und Bundesrat genau so uneingeschränkt das Idiom ihrer Region sprechen wie die Kioskverkäuferin oder der Briefträger, ist er aber zugleich auch ein wesentliches Merkmal des schweizerischen Verständnisses von Staatlichkeit und Zusammengehörigkeit, wie es sich in der direkten Demokratie und im Mitspracherecht der Bevölkerung in allen Bereichen und Belangen zeigt. Begegnen sich Schweizer in Amerika oder Australien, evoziert der Dialekt sofort jenes Gefühl, das als Heimweh in die deutsche Sprache Eingang gefunden hat, und doch besitzt der Dialekt, wie jüngste Entwicklungen zeigen, auch eine sehr starke integrative Bindungskraft. Kinder von Immigranten, auch solchen aus Vietnam oder Schwarzafrika, sprechen sehr schnell und akzentfrei den Dialekt ihres neuen Wohnorts und integrieren sich sprachlich problemlos in die Gemeinschaft der Gleichaltrigen. In Zürcher Strassenbahnen begegnet man reihenweise sogenannten Secondos, die blitzschnell vom Serbischen oder Portugiesischen in den Zürcher Dialekt umzuschalten vermögen, und wenn der Dialekt in den letzten Jahren am Theater Basel und im Schauspielhaus Zürich auch wieder zur Sprache des professionellen Sprechtheaters geworden ist, so ist das dem aus Spanien stammenden kaum dreissigjährigen Secondo Raphael Sanchez zu verdanken, der als Regisseur und Dramaturg arbeitet. Dialekt ist allerdings nicht gleich Dialekt, und erstaunlicherweise nimmt die Beliebtheit eines Idioms ab, je näher es dem deutschen Territorium kommt. Am wenigsten Sympathie findet der Thurgauer Dialekt vom Schweizer Ufer des Bodensees, mit Abstand am beliebtesten ist der Berner Dialekt, der nur noch auf den zweiten Platz verwiesen wird, wenn jemand von noch weiter südwestlich kommt und mit französischschweizerischem Akzent spricht. So fragte das Boulevard-Blatt «Blick» 1999, als die Thurgauerin Anita Burl zur Miss Schweiz gewählt wurde: «Darf eine so schöne Frau so hässlich sprechen?» 2005 aber, als die Lausanner Studentin Lauriane Gillièron zur Schönsten gekürt wurde, zitierte die Zeitung mit Behagen und Begeisterung, dass sie gesagt habe: «Isch bin soo glücklisch» und «Das Miss Schweiz at kalt!»
(skd) Aus der Rede bei der Verleihung des deutschen Sprachpreises,
Weimar, 21. September 2007.
Lesen Sie in einer weiteren Folge über “Deutschschweizer und Deutsche”.
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