Abschied vom Zuckerschlecken
Immer mehr Wörter verschwinden aus dem Deutschen
Frage: Welches formidable alte Wort haben Sie zuletzt benutzt?
Klatte: Kürzlich habe ich einen Beitrag über Jugendsprache geschrieben. Da wurde mir klar: Ausdrücke wie dufte, Macker oder gammeln, die vor 40 Jahren sehr modern waren, hören sich heute schon altertümlich an.
Frage: Warum klingen aussterbende Wörter putzig?
Klatte: Putzig gehört ebenfalls zu den Wörtern, die immer seltener verwendet werden. Aber warum es zunächst eigenartig klingt, kann keiner genau sagen.
Frage: Warum geraten Wörter überhaupt in die Bredouille?
Klatte: Oft kommt es eben vor, dass sich der Sachverhalt, den das Wort bezeichnet, ändert oder dass es keinen Grund mehr gibt, ihn zu benennen. So existieren Berufe, für die es irgendwann keinen Bedarf mehr gab. Nur Ältere erinnern sich an den Gasriecher oder den Milchkutscher, Knechte oder Mägde werden heute auf Bauernhöfen nicht mehr beschäftigt.
Frage: Spielt das garstige Denglisch, leider allerorten zu hören, eine Rolle?
Klatte: Ja, weil viele glauben, Englisch sei moderner. Statt zum Gabelfrühstück geht man heute zum Brunch; Rangen oder Gören heißen nur noch Kids, was früher zum Mitnehmen war, ist heute to go. Manchmal ändert sich auch die Einstellung zu bestimmten Bezeichnungen, das Fräulein kommt heute nicht mehr vor, weil die Bezeichnung zu sehr in die Privatsphäre junger, unverheirateter Frauen eingriff.
Frage: Wann ist ein Wort ganz passe?
Klatte: In Wörterbüchern sind viele Wörter als veraltend oder veraltet gekennzeichnet. Das bedeutet, dass sie im Sprachgebrauch nicht mehr häufig vorkommen, z. B. frommen, fürwahr, lustwandeln.
Frage: Können Jugendliche von heute mit Ausdrücken wie „Kokolores“, „knorke“ oder „Eumel“ etwas anfangen?
Klatte: Jugendliche verändern ihre Sprache besonders schnell. Deswegen müssen die Kinder von früher ihren Kindern der Gegenwart ihre Sprache oft erklären. Was früher knorke war, ist heute vielleicht endgeil, krass oder fett.
Frage: Macht sich Ihr Verein anheischig, Wörter zu retten?
Klatte: Ja, der Verein Deutsche Sprache kämpft darum. Dazu gehört, dass wir darauf aufmerksam machen, dass ein altes Wort oft besser ist als eine neumodische englische Entsprechung. Wer gern Märchen liest, wird Wörter wie Schabernack, Narr oder Webstuhl im Gedächtnis behalten. Dies gilt auch für alte Sprichwörter: Das Leben ist kein Zuckerschlecken.
Frage: Obzwar ihr Verein viel unternimmt, scheint es normal, dass Wörter aussterben.
Klatte: Das ist einfach so, und wer deutsche Texte liest, die einige hundert Jahre alt sind, der stößt schnell auf Wörter, die man heute gar nicht mehr kennt.
Frage: In summa entstehen also auch viele neue Wörter?
Klatte: Erstmals in den Medien erwähnte Substantive waren 2009 zum Beispiel Armutsrentner, Kinderregelsatz, Kreditzwang. Das sind Zusammensetzungen, die neue Sachverhalte benennen.
Reinhard Tschapke [befragte Dr. H. Klatte, Geschäftsführer VDS, Dortmund]
Nordwest Zeitung vom 29.Dez.2009 [ mit geringen Anpassungen SKD ]
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