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Moderne Literatur – ein neuer Zugang

Mund im verborgenen Spiegel, Reicht euch das Dunkel,
Knie vor der Säule des Hochmuts, nennt meinen Namen,
Hand mit dem Gitterstab; führt mich vor ihn.

Kann man dieses Gedicht als Kunst bezeichnen? Ist es gute Lyrik? Lassen sich die dunklen Andeutungen von Paul Celan („Ins Nebelhorn“, 1952) interpretieren? Mario Andreotti, Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen, langjähriger Referent in der Fortbildung für Mittelschullehrkräfte, Mittelschullehrer in St. Gallen und anerkannter Experte für die Literatur der Moderne, behauptet: Ja! Und er tritt den Beweis in seinem fast 500-seitigen Sachbuch über die Struktur der modernen Literatur überzeugend an.
Die Grundfragen des Buches: Was ist moderne Literatur? Welche geistesgeschichtlichen Einflüsse wirkten auf die Moderne und welches sind die Merkmale und die Gattungsformen moderner Erzählprosa und Lyrik werden in dieser 4. vollständig neu bearbeiteten und aktualisierten Auflage mit dem Kapitel „Einige Kriterien guter literarischer Texte“, das vor allem für die Hand von Lehrenden gedacht ist, sowie mit einem gut 100-seitigen Glossar zu literarischen, linguistischen und philosophischen Grundbegriffen ergänzt, welches für sich allein schon ein nützliches Nachschlagewerk darstellt.
Die stark erweiterte und Neuauflage vom September 2009 stellt eine Fundgrube für eine riesige Anzahl modernster Texte dar, die hier erstmals wissenschaftlich eingeordnet und interpretiert werden. Die meisten Textbeispiele wurden aktualisiert, das jüngste Beispiel - ein Anagramm von Barbara Köhler - stammt vom April 2009. Andreotti scheut nicht davor zurück, die literarische Subkultur, die seit Ende der 60er Jahre am Rande des offiziellen Literaturbetriebes entstand, zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu machen. So finden neben Pop- und Beatliteratur auch die jüngsten Entwicklungen in der Spät- und Postmoderne mit ihrem Schwerpunkt auf dem spoken word und der Performance wie Rap und Slam Poetry ihre Beachtung. Der digitalen Literatur, die seit Mitte der 90er Jahre im Web entstand und die neuerdings mit dem Handy-Roman bereichert wurde, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. So bekommt der interessierte Leser auch einen breiten Einblick in die aktuelle Jugendkultur und ihre Texte.
Stärker als die vorherigen Auflagen orientiert sich der Autor an der praktischen Nutzbarkeit seines Buches. So wurde die Sprache vereinfacht, wissenschaftliche Begrifflichkeiten gut verständlich erklärt, damit Studenten, aber auch alle übrigen literarisch Interessierten die Texte im Selbststudium bearbeiten können. Neben der leichten Verständlichkeit ist dem Autor die Praxisnähe für Lehrende ein Anliegen. Hilfreich sind hierfür die grafisch sehr gut aufbereiteten Überblicke am Ende jedes Kapitels zu Aspekten der modernen Literatur sowie die prägnante Gegenüberstellung von moderner und traditioneller Erzählprosa und Lyrik. Ein breiter Aufgabenteil mit aktuellsten Texten, anhand derer das neuerworbene Wissen überprüft, bzw. mit kreativen oder Suchaufgaben z.B. für Hyperfictions im Netz erweitert werden kann, rundet das Werk ab. Zu den einzelnen Arbeitsvorschlägen finden sich im Internet unter www.utb-mehr-wissen.de Lösungshinweise.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man neben dem breiten Fundus an Textbeispielen einen hervorragenden Überblick über die deutsche Literatur- und Kulturgeschichte erhält, nebst einer Herausarbeitung von Kernthemen der modernen Literatur, überraschenden und treffenden Interpretationen und Einzelanalysen mit Vergleichen zu literarischen Parallelströmungen, dazu genaue Begriffserklärungen und Gattungsdefinitionen, die immer auch auf ihre historischen Wurzeln zurückgeführt werden. Andreotti vermag sein profundes Wissen und seine unerschöpfliche Textkenntnis leicht verständlich auf den Punkt zu bringen und in einer präzisen, aber auch humorvollen Sprache dem Leser schmackhaft zu machen. Martin Walser empfiehlt den Strukturband als ein Buch, in dem er mehr fand, als er gesucht habe. „Mein Eindruck: ein Buch von unendlicher Brauchbarkeit.“  — Von Christiane Matter

Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur. Neue Wege in der Textinterpretation: Erzählprosa und Lyrik. Mit einem Glossar zu literarischen, linguistischen und philosophischen Grundbegriffen. UTB Band 1127, 4., vollst. neu bearb. und aktual. Auflage 2009. 488 S., 14 Abb., CHF 29.90/EUR 16.90 (UVP). ISBN 978-3-8252-1127-1.




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